Montag, 17. Juni 2019

Vom Donnerschlag bis zu zarten, luftigen Tonschwingungen

Ein Fest für Sofia Gubaidulina im Konzerthaus.

Selbst in ihren Instrumentalkonzerten bezieht sich Sofia Gubaidulina auf Texte: Als zu bearbeitendes Material sind Musik und Sprache für sie nicht zu trennen. Jeder Stoff ist der Zertrümmerung ausgesetzt, harrt dann einer neuen Ordnung. Die in einem hochsensiblen Kunstprozess entsteht, unverwechselbar in Herkunft und Marke Gubaidulina. Ihre Spezialität ist die Erfindung „konzertanter Minisprechopern“, die Spannung und Dramatik nicht nur dem Weiterbau der sprachlichen Konglomerate schulden, sondern auch den vielfältigen Besetzungen.

„Das Leben ist sehr interessant, aber oberflächlich“, sagte sie einmal: In jahrzehntelangem Schaffen hat Gubaidulina, geboren 1931 in der Tatarischen Sowjetrepublik, viel politische Unterdrückung aushalten müssen. Schostakowitsch bekräftigte sie, auf ihrem Weg zu bleiben (den etliche als Irrweg sahen), dank Gidon Kremers vehementen Einsatz kam sie zu internationalem Ruhm – auch weil sie immer wieder auf ein Verständnis von Kunst als „Gegenwelt“ pochte, der als solche quasi religiöse Funktion zukomme.

Den Reigen im Konzerthaus eröffnete der ausgezeichnete Chorus sine nomine von Johannes Hiemetsberger. Das einfach gestrickte Stück „Svyati“ (1995) von Sir John Tavener war nur farbloser Auftakt. Ereignishaft dann aber Gubaidulinas „Sonnengesang“ (1998) nach Franz von Assisi für Violoncello, Chor und Schlagzeug: ein intensives Gebet mit exzellenten Solisten – Narek Hakhnazaryan in der Position von Widmungsträger Mstislav Rostropowitsch sowie hellwache Schlagzeuger. Es ergab sich eine schillernde Sprach-Töne-Kulisse, von Tamtam, Pauken, Glocken bis Gläserspielen und Fingerzimbeln. Der Aufwand als Echo und Wirkung: vom Donnerschlag bis zu zarten, luftigen Tonschwingungen. […]

Nach vier Stunden im Mozartsaal wurde die anwesende große Künstlerin respektvoll gefeiert.

Walter Gürtelschmied, Die Presse