Donnerstag, 1. April 2010

Osterklang-Festival: Noch wird gebetet, zumindest musikalisch

In Zeiten, in denen jede Gelegenheit wahrgenommen wird, gegen die Restbestände des katholischen Fundaments der europäischen Kultur Halali zu blasen, können sich künstlerische Ausprägungen christlicher Glaubensbekenntnisse nicht über mangelnden Publikumszuspruch beklagen. Nie füllen sich Kirchenräume so mühelos wie bei geistlichen Konzerten. Ganz lässt den Menschen die Vision transzendenter Geistigkeit ja doch nicht los.

Interessanterweise erfreut sich in diesem Zusammenhang auch Avantgardistisches regen Zuspruchs. In keinem Konzertsaal lauschen die Zeitgenossen etwa der Musik von Sofia Gubaidulina so konzentriert wie im Kirchenschiff.

„Sonnengesang“ hieß das Konzert des formidablen Chorus sine nomine in der Minoritenkirche – und die Vertonung des ekstatischen Gebetstextes von Franz von Assisi, die Gubaidulina einst für Mstislav Rostropowitsch schuf, stand am Beginn der andächtigen Zelebration.

Der virtuose Grazer Cellist Friedrich Kleinhapl trat in Rostropowitschs Fußstapfen und zauberte schwebende Emanationen der Naturtonreihe aus seinem Instrument. Diesen Klängen schien die Chormusik jeweils zu entströmen. Gubaidulinas Kunst spaltet oft Einzeltöne in kunstvoll prismatischer Fächerung auf, um in behutsamen Metamorphosen daraus Dur- und Molldreiklänge zu gewinnen.

Die setzt sie in ganz und gar unklassischer Weise zueinander in Spannungsverhältnisse und baut auf diese Weise neuartige formale Strukturen mit nur scheinbar altmodischen Mitteln. Dem großen Text kommt sie bei, indem sie hymnische Anrufungen hie und da aus furchtsam-staunenden Tiefen herauswachsen lässt: Das „Altissimo“ im Zentrum des Gesangs klingt bei ihr keineswegs affirmativ, eher wie ein angstgeborener Aufschrei.

Fulminanter Chorus sine nomine

Die fulminante Ausführung durch Johannes Hiemetsbergers Chor, den Cellisten und die Schlagwerker Josef Gumpinger und David Panzl sorgte im Auditorium spürbar für Anteilnahme. So vollständig wird die Identifikation mit dem geistlichen Text dann, dass selbst die geradezu spieldosenartige Musik (samt Celeta-Harmonien, die István Mátyás beisteuerte) des Schlusses als gar nicht kitschig empfunden wird.