Dienstag, 25. Mai 2010

Klang- und Lichtwerdung des Lobes

Für Lichtwerdung lässt man gern bei Joseph Haydn arbeiten. Die Alternative: Sofia Gubaidulinas „Sonnengesang“. Ein kurzer Gedanke zurück in Unruhe – und schon begrüßt strahlender Sopranglanz die Sonne. Und selbst der hellste aller Planeten muss sich geschmeichelt fühlen, wenn der Chorus sine nomine sich vor ihm verneigt.

Ob homophoner „klassischer“ Chorklang und Sphärenharmonie oder unruhige Sprünge von Stimmgruppen und einzelnen Chorsolisten über einen unglaublichen Tonumfang. Ob unendliche Vokalise oder expressive Klangerzeugung nahe am Geräusch: Kein anderes heimisches Vokalensemble ist derzeit so prädestiniert für Sofia Gubaidulinas „Sonnengesang“ wie der Chorus sine nomine. Gegründet 1991 von Johannes Hiemetsberger hat sich der Chor zu einem der herausragenden Expertengruppen fürs Vokale entwickelt: Zeitgenössisches ist bei ihm ebenso perfekt aufgehoben, wie die Marienvesper oder – Erinnerungen an Sternstunden werden wach – wie die Mahlerlieder in Chorfassung.

Nun hat der Chorus sine nomine mit der Einspielung von Sofia Gubaidulinas „Sonnengesang des Heiligen Franz von Assisi“ in der revidierten Fassung von 1998 einen Meilenstein gesetzt. Der Sonnengesang ist quasi ein verklausuliertes Konzert für Cello, Schlagwerk und Chor. Michael Hammermayer spielt auf der in der ORF-Edition erschienen CD das Solocello – und auch er setzt mit seinem Part Maßstäbe: Immer wieder lässt er den Cello- mit dem Stimmklang symbiotisch verschmelzen oder mit den lichten Schlagzeug- oder Celesta-Funken Klangsterne erglühen. Das große Solo um den „Altissimo“-Satz oder die neunte Strophe herum wiegt das Cello zusammen etwa mit den Glocken alle „Krankheiten oder Prüfungen“ zu innerem Frieden.

„Laudato si, mi Singore, cun tucte le tue creature“: Die zweite Strophe des Sonnengesangs gehört zu jenen, in denen die Gubaidulina mit geradezu klassischer responsorialer Chorrezitation arbeitet. Umspielt und umrankt werden die Verse von scheinbar unruhigen, in Summe aber überaus harmonischen Sprüngen und Linien des Solocellos. Wenn in der dritten Strophe „per sora luna e le stelle“ die Frauenstimmen „Bruder Mond und die Sterne“ beschwören, scheint ein feines zartes Ticken irgendwo im Klangurgrund darauf hinzudeuten, dass die Gestirne schon immer Zeitzähler und Orientierungshilfe waren …

„Bruder Wind“ wird von einer Männer-, „Schwester Wasser“ einer Frauenstimme angesungen: Für die technische Brillanz der Stimmführung und die Klarheit der Klanggebung steht bei diesem Chor jedes einzelne Ensemblemitglied.

Und immer wieder – in hochexpressiven aufgeregten und vom Schlagzeug scheinbar unruhig zersplitterten Momenten – erklingt aus dem Hintergrund in größter Ruhe und homophoner Getragenheit der quasi überirdische Chor. Einer der vielen Höhepunkte im Werk sind etwa die hellen, ja schrillen Glissandi im Vers „Altissimo“: ein wahrer „Ausbruch“ von Engelsgesang.

Die großen Themen Sofia Gubaiduilinas zwischen Leben und Tod, Sterben und Erlösung, sind in diesem Werk exemplarisch durchexerziert. Und der Chorus sine nomine ist derzeit der exemplarische Vermittler dieses
Schlüsselwerkes.

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