Sonntag, 3. Oktober 2010

Lobgesang

Es war eine spannende Kombination, mit der die Niederösterreichischen Tonkünstler ihre Saison begannen. Als Auftragswerk des Festspielhauses St. Pölten gab es zuerst eine etwa 25minütige symphonische Dichtung des Oberösterreichers Gerald Resch. Der Titel ‚„Cantus Firmus“ Symphonie für Orchester und Chor ad libitum.’ verweist darauf, dass dieser Chor „nach Belieben“ eingesetzt werden kann – und nach der Uraufführung wird es der weiteren Verbreitung des Werkes gut tun, wenn man die Kosten für 40 Sekunden a capella und einer fast unhörbaren gesungnen Schlusssequenz einspart. In Bezug auf den danach folgenden „Lobgesang“ von Mendelssohn, der so gewaltige Wirkung aus dem Chor bezieht, war Reschs Einsatz der Singstimmen allerdings verständlich.

Der 35jährige Linzer, eben erst mit einem Kompositionspreis der Erste Bank ausstaffiert, beeindruckte durch seinen bewussten Umgang mit dem Material großer Vorgänger. Das führt zwangsläufig dazu, im „alten“ Sinn Musik zu machen, im Hinblick auf melodische Phrasen, solistischen Einsatz einzelner Instrumente, von originellen Klangwirkungen (das Schlagzeug ist ausführlich beschäftigt), rhythmische Abwechslung und den legitimen Wunsch, das Orchester kraftvoll, auch lauf und ausdrucksvoll „sprechen“ zu lassen. Das ist ein vom Handwerk und der Idee her ansprechendes Werk (falls dies für ein „modernes“ Stück keine negative Aussage ist!), mit dem man ein Publikum nicht in die Flucht schlägt, sondern im besten Sinn fesselt.

Im Anschluss jene Mendelssohn-Symphonie Nr.2 mit dem Titel „Lobgesang“, mit der er, der Jude, ein religiöses Werk geschaffen hat, das aufgrund der Texte (Kirchenlieder, Bibelstellen) von den christlichen Religionen in Anspruch genommen werden kann. Prachtvoller kann „Alles, was Odem hat, lobet den Herrn!“ nicht erklingen, auch schon im dreisätzigen orchestralen „Vorspiel“, dann aus den Kehlen eines gewaltigen Chores und dreier Solisten.

Das Tonkünstler Orchester hat sich mit diesen beiden Werken eine große Aufgabe gestellt und sie wirklich und wahrhaftig glanzvoll bewältigt. Dirigent Andrés Orozco-Estrada (wieder im Karajan/Mao-Look) hat nicht nur Resch zu jeglicher legitimer Wirkung verholfen, sondern auch Orchester, den großartigen Chorus sine nomine und die hochkarätigen Solisten bei aller Leidenschaftlichkeit der Interpretation fest zusammen gehalten. Dabei ließ Christiane Oelze mit strahlendem Sopran in der Höhe Jubeltöne hören, wie sie nicht vielen gelingen. Leider hat der zweite Sopran wenig zu tun, denn was man von Simona Saturová hörte, war von ähnlich hohem Niveau. Der kostbare Ian Bostridge schließlich war für Tenor-Passagen aufgeboten, mit seiner eigentümlichen Stimme, seinem Hang zur Überinterpretation und mit der fraglosen, geradezu Gänsehaut erregenden Faszination, die er immer erzeugt.

Könnte es auf diesem Niveau weitergehen, man möchte keines der Tonkünstler-Konzerte versäumen.