{"id":7839,"date":"2024-09-06T08:26:21","date_gmt":"2024-09-06T08:26:21","guid":{"rendered":"https:\/\/chorussinenomine.at\/presse\/in-den-gehoergangen-des-menschseins\/"},"modified":"2024-09-06T08:26:21","modified_gmt":"2024-09-06T08:26:21","slug":"in-den-gehoergangen-des-menschseins","status":"publish","type":"press","link":"https:\/\/www.chorussinenomine.at\/en\/presse\/in-den-gehoergangen-des-menschseins\/","title":{"rendered":"In den Geh\u00f6rgangen des Menschseins."},"content":{"rendered":"<p>Ein Nachbericht eines Ohrenspitzers \u00fcber Konzerte, die nie vorbei sein werden.<\/p>\n<p>Das 10. Stimmen Festival Freistadt hat heuer seine \u201eGeh\u00f6rg\u00e4nge\u201c unter das Thema \u201eMensch\u201c gestellt. Als ob wir anders k\u00f6nnen, als Mensch zu sein.<br \/>\nIch fange von hinten an. Der dritte Geh\u00f6rgang im gro\u00dfen Saal des Freist\u00e4dter Salzhofes zeigte den Film \u201eHomo Sapiens\u201c. Dabei sein angemerkt, dass unsere Gattungsbezeichnung so etwas wie \u201everstehender, verst\u00e4ndiger\u201c bzw. \u201eweiser, gescheiter, kluger, vern\u00fcnftiger Mensch\u201c hei\u00dft. Eine gute Sache, sich gelegentlich daran zu erinnern. Nikolaus Geyrhalters Filmessay f\u00fchrt an von Menschen verlassene Orte und seine Ger\u00e4usche. \u201eIch bin am meisten da, wenn ich weg bin.\u201c, kommt mir Karl Barth in den Sinn. Der Mensch wird \u00fcberdeutlich sp\u00fcrbar in seiner Abwesenheit. In diesem Sp\u00fcren stecken Spuren, die uns Geyrhalter einfach vorf\u00fchrt und den Menschen damit vorf\u00fchrt, ohne ihn vorzuf\u00fchren. Kommentarlos, in einer monumentalen Heftigkeit. Der Film versteht sich als \u201eOde des Mensch-Seins\u201c. Er ist in seinem Abgrund der stimmlose Aufruf dazu, dass wir die Gestalter sind, jede, jeder Einzelne von uns. Und dazu erhob die Company of Music unter Johannes Hiemetsberger mit Musiken von Arvo P\u00e4rt, David Lang, Kaija Saariaho und anderen ihre Stimmen. Nie illustrativ, genauso dringlich unmissionarisch wie der Film. In der Vermischung mit dem Filmton er\u00f6ffnete sich ein Raum von Cage-schen Ausma\u00dfen, sprich der Wirklichkeit. Wir konnten diese betreten, selber darin lesen, f\u00fchlen, denken, ein- und ausatmen. Was f\u00fcr eine Erfahrung, die mich noch lange im F\u00fchlen und Denken beunruhigen wird. Die Bilder sind verloschen, die Kl\u00e4nge verklungen, aber sie bleiben unausl\u00f6schlich.<\/p>\n<p>Der zweite Geh\u00f6rgang f\u00fchrte an den elektrisierend aufgeladenen Ort von Kreisel Electric. Drei M\u00fchlviertler Br\u00fcder begannen 2012 mit Wiederaufladbaren zu experimentieren, gr\u00fcndeten 2014 eine Firma, die vier Jahre sp\u00e4ter Weltwirksamkeit hat. Sie folgen ihrem Stern (selbst der Grundriss der Firma folgt diesem bedingungslos leidenschaftlich), h\u00f6ren ihr Herz schlagen. Genau dort improvisierte der Chorus sine nomine nach dem Herzschlag des wandlungsf\u00e4hig einf\u00fchlsamen Tontechnikkreateurs Lukas Froschauer, der gemeinsam mit Johanna Norz ein wandelndes Herzst\u00fcck konzipiert hat, von dem das Publikum durchdrungen wird und in dem die Zuh\u00f6renden unmittelbar stehen \u2013 zum \u00e4u\u00dferen Bewegen waren sie wenig zu bewegen. Das Herz landet innig auf heimischem B\u00f6hmerwald Klangboden und nach meinem Gespr\u00e4ch mit Markus Kreisel folgte noch \u201eLeonardo dreams of his flying machine\u201c von Eric Whitacre.<\/p>\n<p>Und nun zum Ausgangspunkt der Geh\u00f6rg\u00e4nge. Im Vergeinersaal des Salzhofes \u2013 benannt nach einem Freist\u00e4dter Sch\u00fcler Anton Bruckners \u2013 sa\u00dfen sich der Chorus sine nomine und sein Publikum auf Tuchf\u00fchlung gegen\u00fcber. Man h\u00f6rte sich gegenseitig atmen in der engen, abgedunkelten Intimit\u00e4t des knappen Raumes. Die Temperatur verhielt sich angemessen wohlig. Das Thema des Gedenkens sollte man immer in dieser emotionalen, physischen Art ansto\u00dfen. Durchs F\u00fchlen ins Denken, das wirkliches Ge-denken schlichtweg fordert. Vorweg Strawinskys \u201eGeschichte vom Soldaten\u201c, die einem den Marsch bl\u00e4st und vielleicht darauf aufmerksam macht, dass man nicht alles haben kann. Dann Herwig Reiters sechsteilige \u201eFeuerharfe\u201c nach Post-Holocaust-Gedichten j\u00fcdischer Autorinnen und Autoren, auffahrend sinnlich, ein brennender Erfahrungsraum, der von Samuel Barbers \u201eAgnus Dei\u201c erl\u00f6st wird, oder? Wann erbarmen wir uns unser?<\/p>\n<p>Diese drei \u201eGeh\u00f6rg\u00e4nge\u201c waren in Qualit\u00e4t, thematischer Ausrichtung, Raum, Setting, Konzept und Dramaturgie k\u00fcnstlerische Ereignisr\u00e4ume in Augen-, Ohren-, und Sinnesh\u00f6he und auf der Dringlichkeitsstufe gegenw\u00e4rtigen Daseins! \u2013 Dies schreibe ich hier trotz Befangenheit, in herrlicher Betroffenheit. Mensch!<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","tags":[75],"class_list":["post-7839","press","type-press","status-publish","hentry","tag-2018_freistadt"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.chorussinenomine.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/press\/7839","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.chorussinenomine.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/press"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.chorussinenomine.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/press"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.chorussinenomine.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7839"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.chorussinenomine.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7839"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}